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128 Jahre später: Wie wir das Erbe der Gasproduktion in Rinteln biologisch sanieren

Manche Altlasten reichen weit zurück. Von 1896 bis 1964 wurde auf dem Gelände der Stadtwerke Rinteln Stadtgas aus Kohle und Koks hergestellt – eine Technologie ihrer Zeit, die jedoch giftige Spuren hinterlassen hat. Cyanide und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) haben sich tief in Boden und Grundwasser eingetragen. Statt eines kostspieligen Komplettaushubs setzt Sensatec auf ein innovatives biologisches In-situ-Verfahren – das in dieser Größenordnung erstmals in Deutschland eingesetzt wurde.

Auftraggeber
Stadtwerke Rinteln
Fläche
Ca. 50.000 m²
Leistungszeitraum
2021 – fortlaufend
Auftragsvolumen
1.400.000 €
Wirkstoffe
Sauerstoff und Zuckerverbindungen
Schadstoffe
Cyanide, Ein- oder mehrkernige zyklische Kohlenwasserstoffverbindungen (NSO-Heterozyklen), Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)
Fragen zum Projekt
Ihre Ansprechperson
Dr. Stephan Hüttmann

Zentrale Leistungen

  • Durchführung von Abbauversuchen im Prozesstechnischen Labor
  • Planung, Bau und Betrieb einer Grundwasserzirkulationsanlage mit Kiesfiltration
  • Planung, Bau und Betrieb einer Injektionsanlage für technischen Sauerstoff
  • Optimierung des Bioprozesses während des Betriebs
  • Technische Realisierung des In-situ-Sanierungsverfahrens
  • Umfangreiche Überwachungssensorik
  • Permanente Raumluftüberwachung im Behandlungsbereich unter Betriebsgebäude
  • Technische Dokumentation

Kundennutzen

  • Effektive In-situ Sanierungstechnik
  • deutliche Kostenersparnis gegenüber Abriss und Aushub
  • keinerlei Nutzungseinschränkung des Gebäudebestandes und Werkstätten
  • emissionsfreies Verfahren
Ausgezeichnete Nachhaltigkeit: Silber beim ZfK-NachhaltigkeitsAWARD 2025

Ausgezeichnete Nachhaltigkeit: Silber beim ZfK-NachhaltigkeitsAWARD 2025

Leistung, die anerkannt wird. Im Juni 2025 wurden die Stadtwerke Rinteln und ihre Projektpartner mit der Silbermedaille des ZfK-NachhaltigkeitsAWARDs in der Kategorie Wasser/Abwasser ausgezeichnet. Der Preis der Zeitung für kommunale Wirtschaft gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen für nachhaltige Projekte in der kommunalen Versorgungswirtschaft. Die Jury würdigte:

  • Die ökologische Wirksamkeit des biologischen In-situ-Verfahrens
  • Den Verzicht auf Bodenaushub und damit die Vermeidung erheblicher Umwelteingriffe
  • Den uneingeschränkten Weiterbetrieb der Stadtwerke während der gesamten Sanierung
  • Den Pioniercharakter des Verfahrens als deutschlandweiter Erstanwendung in dieser Größenordnung

"Bei unserem Verfahren haben wir uns getraut, nicht den konventionellen Weg einzuschlagen und stattdessen das Thema Nachhaltigkeit großzuschreiben."

Jan-Philipp Giltmann, Technischer Leiter der Stadtwerke Rinteln

Eine Haltung, die überzeugt – und die wir teilen.

Eine Altlast mit Geschichte – und zwei Schadstoffherden

1896 begann die Gasproduktion in Rinteln. 1964 endete sie. Doch was blieb, waren Cyanide, PAK und NSO-Heterozyklen – Schadstoffe, die sich über Jahrzehnte im Untergrund ausgebreitet hatten. Erst 2020 konnten zwei klar abgegrenzte Schadstoffherde identifiziert werden:

  • Herd 1 im Bereich der ehemaligen Gasproduktion
  • Herd 2 im Bereich alter Abfallvergrabungen

Das Schadensvolumen: rund 50.000 m³ kontaminierter Untergrund. Eine Dimension, die klassische Sanierungsmethoden an ihre wirtschaftlichen und ökologischen Grenzen treibt.

Die Herausforderung: Sanieren ohne Stillstand

Ein konventioneller Komplettaushub wäre eine naheliegende, aber eine extrem teure Lösung gewesen.
Die Konsequenzen wären gravierend gewesen:

Klassischer AushubBiologische Sanierung
Abriss aller Gebäude nötigBetrieb läuft weiter
80.000 Tonnen Erdreich müssten entsorgt werdenBoden bleibt vor Ort
3.000 LKW-Fahrten, viel Baulärmkaum Verkehr und Baulärm
Kosten ca. 10 Mio. €Kosten ca. 2 Mio. €

Die Entscheidung fiel klar aus: Die Stadtwerke Rinteln setzten auf eine biologische In-situ-Sanierung – und damit auf eine Methode, die den laufenden Betrieb nicht unterbricht, die Umwelt schont und dabei deutlich günstiger ist.

Die Lösung: Mikroorganismen als unsichtbare Reinigungstruppe

Natur heilt – wenn man ihr die richtigen Werkzeuge gibt. Das Herzstück des Verfahrens ist ein hydraulisches Zirkulationssystem, das ein gezieltes Wirkstoffgemisch aus Sauerstoff und Zuckerverbindungen gleichmäßig im Untergrund verteilt. Diese Nährstoffe aktivieren und fördern natürlich vorhandene Mikroorganismen, die die Schadstoffe abbauen – still, kontinuierlich und effektiv.

Mehr als 60 Sanierungsbrunnen sorgen für eine flächendeckende Behandlung des gesamten Schadensbereichs. Begleitet wird der Prozess durch eine umfangreiche Überwachungssensorik, die den Bioprozess kontinuierlich dokumentiert und eine laufende Optimierung ermöglicht.

Bevor die Anlage in Betrieb ging, sicherten Abbauversuche im prozesstechnischen Labor die Wirksamkeit des Ansatzes ab. Von der Planung über den Bau bis zum laufenden Betrieb liegt die gesamte technische Verantwortung bei Sensatec.

Erste Ergebnisse: Der Untergrund antwortet

Die Messungen zeigen: Das Verfahren wirkt. Bereits nach den ersten Betriebsjahren sind klare Fortschritte erkennbar:

  • Im kleinen Herd ist bereits ein deutlicher Sanierungserfolg nachweisbar
  • Im großen Herd geht das Schadstoffinventar messbar zurück
  • Der erste Reinigungszyklus, 2024 abgeschlossen, hält die Cyanidwerte dauerhaft unterhalb des Zielwerts – mit weiter sinkender Tendenz
  • Vereinzelte Wertschwankungen sind auf natürliche Durchmischungseffekte und Hochwasserereignisse zurückzuführen – kein Rückschritt, sondern erwartbare Dynamik

Ausblick: Fokussierung auf das Wesentliche

Die Sanierung schreitet voran – und mit ihr die Möglichkeit, das Verfahren gezielt weiterzuentwickeln. In erfolgreich sanierten Teilbereichen kann die Grundwasserzirkulation schrittweise reduziert werden. Die freiwerdenden Kapazitäten werden auf die verbleibenden, höher belasteten Zonen konzentriert.

Die bisherigen Messergebnisse stimmen zuversichtlich: Rinteln wird sauber – Schritt für Schritt, Brunnen für Brunnen, Jahr für Jahr.